Es war früher Morgen. Klirrende Kälte und Dunkelheit lag über der Stadt. Marlies zog fröstelnd das Kinn in den Kragen und lief schneller.
Unter ihren Sohlen knirschte der Schnee. Als sie in eine Seitenstraße einbog, entdeckte sie ein Amselmännchen, das aufgeplustert am Wegrand saß.
Sein Gefieder glänzte tiefschwarz. Mitleidig schaute sie auf den erschöpften Vogel und eilte vorbei. Dieser Winter forderte Opfer.
Noch ein paar Schritte bis zum Betrieb, ein gewaltiger Klinkerbau. Sie grüßte den Pförtner, eilte über den Hof und stieg in den ersten Stock. Endlich Wärme.
Im Laufen knöpfte sie die Jacke auf, lockerte den Schal und betrat die Garderobe. Bald darauf öffnete sie die schwere Brandschutztür zum Drucksaal und ein vertrautes Grollen
und Klappern schlug ihr entgegen. Gunter war also schon da.
Marlies lief die Arkade entlang. Schlichte, schlanke Säulen erhoben sich aus steinhartem Beton und trugen die gewölbte Decke des riesigen Eckgebäudes.
Das Büro ihres Chefs, die Setzerei und Blümchens Raum waren noch dunkel. Durch die hölzerne Trennwand zu ihrer Rechten drang das scharfe Zischen des Schweißbrenners,
das bläuliche Zucken der Flamme blitzte durch die milchigen Scheiben. Marlies blinzelte; den Schlossern konnte sie später die Hand geben.
Vor den Fensterfronten des Drucksaals reihten sich die Maschinen aneinander, zahlreiche Papierstapel, bestückt mit bunten Zetteln, türmten sich im Zentrum auf Paletten.
Neben der Schneidemaschine stand ein leerer Abfallwagen bereit. Marlies stellte sich auf Zehenspitzen und entdeckte ihren grauhaarigen Kollegen mit dem Ölkännchen
an einem der kleinen Tiegel, eine Handpresse, auf dem Etiketten gedruckt und gestanzt werden sollten. „Guten Morgen, Gunter. Schon fleißig?“
Der Drucker wischte sich am Putzlappen die Hände sauber. „Sechs Uhr muss alles rollen, sonst schaffen meine Mädels die Norm nicht. Bei dieser Temperatur muss ich die
Heidelberger und die Tiegel warmlaufen lassen. Die Walzen sind so kalt, sie wollen die Farbe nicht annehmen. – Aber es ist Gott sei Dank mein letzter Winter.“
„Sie wollen wirklich aufhören? Könnten Sie nicht wenigstens ein paar Stunden kommen, so wie Frau Fink?“
Er bückte sich und hielt das Ölkännchen an eine der zahllosen Öffnungen. „Weißt du, ich habe schon als Siebenjähriger Zeitungen ausgetragen – täglich, bis die Schule begann
und nach den Hausaufgaben den Laufburschen für einen Verlag gespielt. Sogar sonntags. Ich hab genug gearbeitet in meinem Leben. Die Rente hab ich mir verdient.“
Jasmin, von den meisten Blümchen genannt, streckte der jungen Frau die Hand entgegen. „Marlies, wir haben einen neuen Kollegen in der Beschichtung.
Aus dem Gefängnis entlassen.“
„Ein Reso. Hoffentlich nicht wieder einer, der nur drei Tage arbeitet und sich dann nur noch zum Geldtag sehen lässt.“
Die schlanke, drahtige Frau zog die Träger ihrer blauen Latzhose straff. „Der scheint ganz in Ordnung zu sein.“
„Was hatte er denn verbrochen?“
„Flucht. Will es schon das dritte Mal versucht haben.“
„Dreimal?! Und dreimal eingesperrt?!“
Blümchen hievte einen dicken Stapel Papier auf die Schneidemaschine und betätigte den Schalter. Leise begann der Motor zu grummeln. Sie arbeitete nicht nur als
Papierschneiderin und stellte die Walzen für den Flexodruck her, sie war auch Vertrauensfrau und stets auf dem neuesten Stand. „Er sagte, er sei bei jedem Versuch
betrunken gewesen und deshalb hätte es nie geklappt. – Aber das ist sicher eine Ausrede“.
„Hat er Verwandte drüben?“
Sie zuckte die Achseln und schob das Papier in die Maschine. Marlies sah dem Drucker zu, wie er das Braun für die Eisetiketten mischte und im Farbkasten des Heidelbergers
verteilte. Schokoladeneis. „Wegen seiner politischen Ansicht sollte niemand eingesperrt werden“, kritisierte er und hielt die verschmierte Spachtel nach oben. „Flucht ist kein Verbrechen.
Jeder hat das Recht zu leben wo er will.“ Die Walzen nahmen nacheinander die braune Farbe an und Gunter stellte mit einem „Achtung!“ die Maschine schneller.
Marlies wusste um die Gefährlichkeit der rotierenden Greifer und trat sicherheitshalber einen Schritt zurück.
„Ja, wir haben doch auch die Charta unterschrieben“, ereiferte sich Jasmin und klopfte den Rand des Stapels mit einem Holzklötzchen glatt. „Aber die Regierung will die
Realität nicht sehen und die Geschichte hinauszögern, die unabwendbar am Ende ist.“ Summend fuhr das Messer herab und teilte die Bogen.
Marlies fröstelte und vergrub die Hände in den Schürzentaschen. Sie war froh, dass die Saalschreiberin, der Chef sowie die vier Helferinnen eintrudelten, die der Drucker
seine ‚Mädels’ nannte. Der kleine Zeiger sprang auf sechs. Die Anlegerinnen verlangten ihren Maschinen Höchstleistungen ab und Marlies verschwand in der Setzerei.
Auch sie musste eine Norm erfüllen, hatte aber als Schriftsetzer Reserven, so genannter Stehsatz, sodass meist genügend Zeit für gesellschaftliche Arbeit blieb.
Sie zog die Aufträge aus dem Regal und schaute die Tüten durch. Sämtliche Liefertermine lagen in der folgenden Woche, die acht Maschinen waren bestückt, Gunter hatte mit den
Eisetiketten zu tun und wegen des baldigen Frauentages, entschied sie, bereits jetzt die Wandzeitung zu gestalten. Ihren Chef, Herrn Hanke, musste sie nicht fragen.
Er hatte genug Mühe mit der Produktion im Flexodruck und war froh, wenn der Buchdruck selbstständig lief.
Sogleich begab sie sich auf den Weg, um das Material zu holen. In einem engen Vorzimmer saß eine ernst drein blickende Frau mittleren Alters. Marlies wusste, dass sie eine
Kleptomanin war und resozialisiert wurde. Während die Frau den Umschlag mit den Buchstaben aus dem Schubfach heraussuchte, zog Marlies in Gedanken Parallelen:
Ein Politischer auf der einen, eine Kleptomanin auf der anderen Seite. Beide sind weggesperrt gewesen, er wegen seiner Meinung, sie wegen ihrer Sucht. Das Gefängnis hatte wohl
keinem geholfen! Nun mussten sie mit Auflagen leben und sich regelmäßig melden. Marlies presste ihre Lippen zusammen und dachte an die Amsel heute Morgen:
,Was nutzt dem Vogel seine Freiheit, wenn er nicht mehr fliegen kann?’
Am Nachmittag unternahm sie einen Abstecher in die Beschichtung. Das dumpfe Dröhnen, das ihr durch die offene Tür bereits auf dem Gang entgegenschlug, schreckte sie jedes Mal
ab, wenn sie nicht unbedingt den Saal betreten musste. Heute trieb sie die Neugier hinein.
Suchend blickte sie nach dem Neuen. Der Lärm der beiden großen Beschichtungsanlagen, die Lebensmittelverpackungen mit einer Schutzschicht versiegelten, ließ sie fast taub
werden. Sie schützte mit der Hand das linke Ohr und entdeckte einen kleinen, hageren jungen Mann zwischen überquellenden Abfallwagen und aufgetürmten Papierrollen. Seine
mittelblonden Haare waren kurz geschnitten – zu kurz für die jetzige Mode. Laut rief sie: „Guten Tag, Sie sind der Neue?!“ Als sich der Angesprochene umdrehte, streckte sie
ihm die Hand entgegen: „Ich bin Marlies Wiesner aus dem Buchdruck und Ihre
AGL-Vorsitzende. Gewerkschaft“, erklärte sie. „Unsere Abteilungen und der Flexodruck gehören zusammen.“
„Angenehm, Maik Förster.“ Sein Händedruck war kräftig und Marlies nahm ihn ein wenig beiseite, wo es leiser war. „Wenn Sie Probleme haben, kommen Sie einfach zu mir.“
„Welche Probleme?“
„Soziales und alles, was mit dem Ablauf der Produktion zu tun hat und Sie mit einem Leiter nicht besprechen wollen. Zum Beispiel, wenn Sie unzufrieden mit Entscheidungen sind,
der Lohngruppe, der Norm oder wenn man Ihnen etwas unterstellen will, was sie nicht verursacht haben.“
„Das klingt ja furchtbar!“
„Nun, das hat es alles schon gegeben.“
„Wo finde ich Sie?“
Sie wies durch die offene Tür den Gang entlang. „Gehen Sie bis zum Ende. Vor der letzten grauen Brandschutztür steigen Sie in das erste Stockwerk und gelangen direkt zum
Buchdruck. Melden Sie sich im Büro bei Frau Fink, der dicken Saalschreiberin.“
Der junge Mann nickte und wuchtete bereits die nächste Papierrolle in die Maschine. Marlies schaute einen Moment zu. „Rauchen Sie, Herr Förster?“
„Ja, aber nur in der Garderobe!“
„Ich frage deshalb, damit Sie ab und zu eine Pause für ihren Rücken einlegen können.“
„Das ist schon okay. Ich habe die kleinste Maschine und die leichtesten Rollen.“
„Sie sind schwer genug. Die anderen haben wenigstens eine Vorrichtung zum Einhängen.“
„Aber es ist die neueste und beste Maschine im Saal! Sie ist aus dem Westen!“, schwärmte er.
„Sie ist von dort, wo Sie hin wollten. Sehen Sie, Sie müssen gar nicht so weit gehen, Sie finden den Westen schon bei uns!“, scherzte sie und er stimmte lachend zu. Sie fand
den jungen Mann sympatisch. „Wenn Sie mögen, können Sie bei uns nachmittags eine Tasse Kaffee trinken. Wir sitzen dann gemeinsam am Tisch. In dieser Viertelstunde werden Dinge besprochen,
wofür sonst keine Zeit bleibt.“
„Privates auch?“
„Natürlich. Aber das dürfen wir nicht so laut sagen, sonst verbieten sie uns diese zusätzliche Pause. Nehmen Sie an?“
„Ja klar! Danke.“
Marlies lief den langen Gang zurück. Ob der Vogel erfroren war? Wie er sie angesehen hatte! Vielleicht hätte sie ihn in der Jacke wärmen und in der Setzerei in einem Pappkarton
unterbringen können. Doch womit hätte sie ihn füttern sollen? Und wenn er zu Kräften gekommen und in eine der Maschinen geflogen wäre?! Marlies erschrak.
Hinter ihr knallte die schwere Eisentür ins Schloss und sie bestellte einen Kaffee mehr bei Frau Fink.
Auf dem Nachhauseweg hatte sie den Vogel vergessen. Ihr kleiner Sohn wartete und das Leben ging weiter.