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Hinter einem Verschlag im Keller seines Elternhauses saß ein kleiner Junge.
Sein Hinterteil brannte von den Hieben des Stiefvaters. Jedes Mal, wenn Maik
eine Strafe bekam, verschlossen sich für drei Tage die Türen und auch seine
Mutter wagte nicht, ihn zu besuchen. Der Raum im Keller einer ehemaligen
Marmeladenfabrik hatte glücklicherweise einen Abfluss, sodass er wenigstens
seine Notdurft verrichten konnte.
Seit Stunden lümmelte Maik am Regal mit den Einweckgläsern, von wo aus er durch das winzige, vergitterte Fenster nach draußen blicken konnte. Die Luke stand offen. Er sah den Himmel, die Blätter der riesigen Rotbuche, hörte das fröhliche Geplapper seiner beiden Stiefschwestern, das Knarren des Astes, wenn sie an der Schaukel turnten. Schon den zweiten Tag sah er den Wolken zu. Wäre er ein Vogel, könnte er einfach durch das Gitter hüpfen und davonfliegen. Seufzend stand er auf, wählte ein Glas mit Erdbeeren und zog mit aller Gewalt am Gummi. Vergeblich. Im Schrank fand er einen Schraubenzieher und hebelte den Deckel ab. Verflixt! Er kniff die Augen zu und hielt den Finger an den Mund. Nur keinen Schmerz spüren! Nein, es tut nicht weh, überhaupt nicht! Schreien hätte ohnehin keinen Zweck. Niemand würde wagen, ihm ein Pflaster zu bringen. Maik wickelte ein Taschentuch um den Zeigefinger, lehnte sich wieder ans Regal und hielt das Glas auf dem Schoß. Beere für Beere wanderte in seinen Mund. Plötzlich wurde ein Schlüssel ins Schloss der Kellertür gesteckt und leise herumgedreht. Maik erschrak. Vielleicht hatte sein Stiefvater die Fünf im Matheheft entdeckt und würde ihn nochmals verprügeln?! Hastig stellte er das Glas zurück, drückte den Deckel darauf und suchte Schutz hinter dem alten Spind. Sein Herz raste. In dieser Enge, zwischen Wand und Schrank, spürte er seine Haut, über die der Riemen gezogen worden war. Er lauschte. Leichtfüßig stieg jemand die Kellertreppe herab. „Maik?!“, hörte er. Nein, das war nicht sein Stiefvater! Es war die Stimme der jüngeren seiner beiden Stiefschwestern. „Emi!“, rief er froh. „Maik, ich hab dir Abendbrot mitgebracht. Iss ja alles auf, damit es niemand merkt! Und hier, was zu trinken!“ Emilia rollte die halboffene Selters unter dem Lattenrost durch und schob das silberne Paket nach. „Das hat mir Jana gegeben, bevor sie fort ging. Zu Mutti hat sie gesagt, sie will zu Rita, aber mir sagte sie, sie ruft die Hundertzehn.“ „Die Hundertzehn? Was ist das?“ Die Kleine zuckte die Schultern. „Sicher ein Geheimnis mit Rita. Die großen Mädchen spinnen doch immer!“, kicherte sie verhalten. „Maik, ich muss jetzt wieder hoch, sonst merken sie es. Tschüss!“ „Tschüss, Emi! Und Danke! Du bist ein echter Kumpel!“ Auf der Treppe drehte sich die Sechsjährige um. „Das Papier und die Flasche musst du verstecken, sonst finden sie es!“ „Alles klar!“ Emilia stahl sich leise davon, Maik biss kräftig in sein Brot und trank Selterwasser dazu. Ein Festessen. Als es dunkelte, kringelte er sich wie ein Igel in einer Ecke seines Verschlags zusammen und dachte an die Hundertzehn. Irgendwoher kannte er diese Zahl. Eine Sirene riss ihn aus dem Schlaf. Maik fuhr auf. Draußen war es hell. Ein gespenstiges Schattenmuster flirrte rhythmisch durch den Raum, der Himmel war schwarz. Im Haus waren laute Tritte zu hören. Träumte er? Er kniff sich ins Bein. Nein, er träumte nicht. Vielleicht brannte das Haus?! Maik sprang empor, um aus dem Fenster sehen zu können. Doch vergeblich, die Luke war zu hoch. Er hörte seine Mutter wehklagen und vernahm Männerstimmen, auch die Stimme seines Stiefvaters. Autotüren knallten. Wieder wurde die Kellertür aufgeschlossen. Ein Licht irrte die Treppe herab, ein Polizist öffnete das Vorhängeschloss. Eine fremde Frau redete auf Maik ein, dass er mitkommen müsse und meinte, dass er es im Heim besser haben würde, als hier. Benommen verließ der Junge den Keller. Er nahm den kühlen Abschiedskuss seiner Mutter entgegen und stieg in ein großes, schwarzes Auto. Durch die Scheibe sah er seine Schwestern, die im Nachthemd am Fenster standen und winkten. Mitten in der Nacht – warum schliefen sie nicht? Er gähnte und drückte sich in die weichen Polster. Maik war dem Keller entronnen. Als das Auto fuhr, kam er sich wie ein Vogel vor, der in die Freiheit flog. Oder war alles nur ein Traum? Evelyne Koitzsch © 2008 |
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